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Coachs mit Migrationshinter­grund engagieren sich bei IdéeSport

25/11/2020

IdéeSport fördert die Teilnahme von Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund an ihren Veranstaltungen in offenen Turnhallen. Im August hat die Stiftung im Tessin ein neues Projekt ins Leben gerufen, das den Austausch zwischen diesen jungen Migrant*innen fördert. Hier können sie sich über ihre Erfahrungen als Coachs sowie ihre Vorbildrolle in den Projekten von IdéeSport austauschen. Omar aus Gambia erzählt im Interview von seinen Erfahrungen.

Es gibt 26 Millionen Flüchtlinge auf der Welt, von denen die Hälfte minderjährig ist . Viele von ihnen sind ohne Eltern geflohen und erlebten in ihren jungen Jahren bereits mehrere gravierende Schwierigkeiten – in Bezug auf ihre Identität, ihrer Familie und ihrer Gesundheit . Im Jahr 2019 beantragten 441 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMAS) in der Schweiz Asyl, hauptsächlich aus Afghanistan und anderen Ländern wie Algerien, Somalia und Eritrea . Wie in einer kürzlich erschienenen Diplomarbeit zum Ausdruck gebracht wurde, wirkt sich die Freizeit auf die Identitätsbildung und die Lebensqualität des Alltagslebens junger Migranten aus, da sie es ihnen ermöglicht, andere Menschen zu treffen, sich auszutauschen und sowohl individuell als auch innerhalb der Gesellschaft zu wachsen .
Die Stiftung IdéeSport fördert die Teilnahme von Jugendlichen mit Migrationshintergrund an ihren Veranstaltungen in offenen Turnhallen. Sie nehmen teilweise gar eine mitwirkende Rolle als Coachs wahr. Im August hat die Stiftung im Tessin ein neues Projekt, das «Partizipative Treffen», ins Leben gerufen. Es soll den Austausch zwischen den jungen Migrant*innen fördern und ihnen die Möglichkeit geben, sich über ihre Erfahrungen als Coachs in den Projekten von IdéeSport auszutauschen.
Wir treffen Omar, der uns in einem kurzen Interview über seine Erfahrungen im neuen Projekt berichtet.


Möchtest du dich kurz vorstellen?
Ich bin Omar, ich komme aus Gambia. Ich kam 2019 in die Schweiz, 2020 ins Tessin. Ich bin also seit etwa einem Jahr hier. Zuerst kam ich nach Kreuzlingen (TG). Ich war 4 Monate in Kreuzlingen und wurde dann hierher versetzt (ins Foyer von Paradiso). Ich wollte nach Deutschland, aber ich wusste nicht genau, wo es war. Als ich aus dem Zug stieg, war es sehr spät, und die Polizei riet mir, zu schlafen. Mir wurde klar, dass ich in der Schweiz war, als die Polizei mir ein Dokument zum Unterschreiben gab.

Wie hast du die Stiftung IdéeSport kennengelernt?
Raffa (Rafael Saco Fortuna, Jugendarbeiter, Abteilung Sottoceneri des Schweizerischen Roten Kreuzes) hat mir vorgeschlagen, mich bei IdéeSport als Coach zu engagieren. Ich habe nicht gezögert, weil ich gerne Sport treibe. Ich spiele Fussball und habe Spass am Sport, vertreibe mir damit gerne die Zeit. Ich gehe auch mit Freunden Basketball spielen. Selbst in den Städten, in denen ich gewesen bin, habe ich immer gespielt.

Welche Erwartungen hattest du an das Projekt „Partizipatives Treffen“?
Ich habe es mir schwierig vorgestellt, all die Dinge zu lernen, die man als Coach lernen muss., Aber das war nicht so. In der Praxis ist es oft leichter als in der Theorie. Es war auch interessant, neue Leute zu treffen und kennen zu lernen.

Was nimmst du von den vier Treffen mit?
Am Ende war es sehr nützlich, weil ich zunächst nicht wusste, wie die Aktivitäten, die man bei MidnightSports durchführt, funktionieren, und was den Teilnehmer*innen erlaubt und nicht erlaubt ist. Ich habe gelernt, dass es einige Regeln gibt, die man respektieren muss, wie z.B. den Basketball nur für Basketball zu verwenden (Umgang mit dem Material). Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, mit meinen Kolleg*innen zusammenzuarbeiten, wenn ich mit Jugendlichen arbeiten will.

Was hat dir an den Treffen besonders gefallen?
Dass man nach (der eigenen) Kultur fragte, z.B. nach dem Essen im eigenen Land, und dass einige über die Gerichte gesprochen haben und ich mich mit anderen, die ebenfalls aus anderen Kulturen stammen, besser bekannt gemacht haben. Oder auch die Übung, das Wort «Coach» oder «Trainer» in der eigenen Sprache zu sagen. Mein Freund hat sich in unserer Sprache nicht daran erinnert. Ich erinnerte mich daran, weil es eine Person gab, die mich so nannte (in meinem Land). Am Ende schrieb ich es auf und sah, wie die anderen es in ihrer Muttersprache nennen und was der Unterschied zwischen Schrift und Aussprache ist.
Es hat mir auch gefallen, Antworten anderer Leute zu hören. Antworten, die ich anfangs nicht ernst nahm, aber dann sagte ich mir: «Das ist ernst, warum habe ich nicht daran gedacht!» Und so war es eine sehr schöne Sache, andere Ideen zu hören und mit anderen zusammenzuarbeiten.

Eigentlich ging es auch darum, sich kennenzulernen. Es ist ein Austausch. Vielleicht gibt es Dinge, die man lernen kann, aber ihr könnt auch viel einbringen. Hattest du das Gefühl, du konntest Teil dieser Gruppe sein, deine Ideen einbringen und dich aktiv beteiligen?
Ja, auf den Zetteln (bei den Austauschaktivitäten) habe ich meine Ideen eingebracht. Einmal hat jeder in der Gruppe ein für sie wichtiges Objekt mitgebracht. Viele haben einige interessante Dinge mitgebracht, z.B. brachte ein Junge eine Halskette mit und sagte, dass dies die Kette sei, die ihn von seinem Land (Syrien) bis hierher begleitete. Das bedeutet, dass diese Kette seit mehr als 3 oder 4 Jahren bei ihm ist. Und wenn ich darüber nachdenke, dann fallen mir viele Dinge ein. Normalerweise, wenn ich mir die Fotos anschaue, fallen mir viele Dinge ein. Ich stellte mir vor, dass ich, wenn ich diese Halskette trage, sie bis zu meinem Tod behalten würde. Es war eine schöne Sache. Es ist schön, weil ich gerne im Team arbeite, und es hat mich dazu gebracht, über meine Erinnerungen nachzudenken.

Was sind deine Erinnerungen an die Treffen?
Ich erinnere mich gut daran, dass wir über die Auswirkungen von Zigaretten sprachen (Projekt EverFresh). Ich wusste nichts von diesen Auswirkungen. Aber nach den Klärungen verstand ich viele Dinge besser. Ich sehe z.B. einige Freunde von mir, wie sie elektronische Zigaretten rauchen, und ich dachte immer, dass es ja nicht weh tut. Aber es wurde mir erklärt, dass es irgendwann weh tun kann. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde.

Nach den Treffen hast du dich dem Team von Midnight MaSaVe… dum (Savosa) angeschlossen, wie lief es?
Am ersten Tag kam ich später an, weil ich ein Match hatte. Ich hatte das Team im Voraus informiert. Am Ende fand ich heraus, dass es einige Leute gab, die ich bereits kannte. Zu den anderen Veranstaltungen gingen wir also zusammen. Es handelt sich um meine ehemaligen (Fussball-)Mannschaftskameraden.

Waren die Treffen dieses Sommers hilfreich, um in die Rolle des Coaches zu schlüpfen?
Die Teilnahme an den Treffen half zu verstehen, was die Arbeit sein könnte. Als ich dem Team beitrat, musste ich nicht alles nachfragen- Ich wusste z.B. bereits, dass ich viele Arten von Spielen vorbereiten musste.

Entsprachen das Projekt und die Arbeit deinen Erwartungen?
Zuerst dachte ich, dass 200 oder 300 Jugendlichen an den Aktivitäten teilnahmen, und dass es ermüdend sein könnte. Aber am Ende war es schöner als ich erwartet habe, auch der Arbeitsrhythmus ist nicht schwierig! Die Veranstaltungen in Savosa sind wunderschön, ich hatte viel Spaß und ich habe andere Leute kennen gelernt. Wenn ich ankomme, sagen sie mir: „Omar, Omar!“, dann weiss ich, dass ich sie an der vorigen Veranstaltung getroffen habe, und ich bin glücklich!

Hast du den Eindruck, dass MidnightSports für dich auch in anderen Bereichen nützlich ist?
Ja, weil ich nachts normalerweise nicht ausgehe, sondern zu Hause bleibe. Dank MidnightSports gehe ich aus und treffe ich mich mit meinen Freunden. MidnightSports hilft mir, wenn ich gestresst bin, nicht darüber nachzudenken, und das Positive daran ist, dass es mir hilft, diese Dinge zu vergessen. Ausserdem, anstatt mit Freunden auszugehen, die mich vielleicht dazu bringen, etwas Schlechtes oder Böses (für die Gesundheit) zu tun, bleibe ich lieber bei Freunden, die gerne Fussball spielen, damit ich Sport treiben und mich fit halten kann. Ich habe neue Freundschaften geschlossen. Wenn sie mich sehen, können sie mich fragen: „Komm schon, lass uns ein Match spielen“. Nicht nur die Coachs, sondern auch die Teilnehmer*innen.

Was sind deine Wünsche als Coach für diese Saison? Was sind jetzt deine Erwartungen?
Jetzt warte ich darauf, dass die Projekte MidnighSports im Tessin wiedereröffnet werden, dass es viele Leute gibt und man mit vielen Leuten Spaß an Fussball- und Basketballturnieren haben wird. Im Herbst fand ein Volleyballturnier statt. Mein Team hat verloren, ich verliere ungern, aber ich habe andere Leute getroffen und wir haben den zweiten Platz belegt. Dann genossen wir einen Filmabend. Aber wegen der Situation mit dem Coronavirus ließen viele Eltern ihre Kinder nicht kommen.

Was denkst du über die aktuelle Situation?
In Bezug auf die Zukunft ist es schwierig, den Jugendlichen zu sagen, dass sie nicht ausgehen sollen. Wenn man sagt, „Bleib einen Monat lang die ganze Nacht zu Hause“, verursacht das bei manchen Menschen Stress. Wir sind alle so. Wenn man Jugendliche dazu drängt, etwas zu tun, ist das ein bisschen schlecht.

Bei MidnightSports arbeitest du mit anderen jungen Leuten und Gleichaltrigen zusammen. Was bedeutet Teamarbeit für dich?
Ich arbeite gerne mit anderen zusammen, deswegen stellte ich mir die Zusammenarbeit als einfach vor. Wenn man zum Beispiel im Fussball nicht zusammenarbeitet, kommt man nicht voran. Aus diesem Grund erwartete ich, dass alle dazu beitragen, und ja, ich habe Menschen gefunden, die zusammenarbeiten, einander helfen, und alles wurde einfach. Ich war in meinem Land bereits als Trainer tätig und habe Kinder im Alter von 7-8 Jahren trainiert. Ja, Spaß machen ist nicht allzu schwierig.

Die Projektleiter waren erfreut, dass du und deine Kolleg*innen sich den Teams angeschlossen haben. Ihr seid sehr verantwortungsbewusst und ein Vorbild für Jüngere. Möchtest du etwas sagen, das dir als besonders wichtig erscheint?
Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit anderen zu spielen, und selbst mit vier Leuten weiß ich, dass ich Spaß haben kann. Manchmal gibt es viele Teilnehmer*innen, und dann kann ich die ganze Nacht lang Spiele wechseln und mit anderen jungen Leuten spielen, damit alle dabei Spaß haben. Das gefällt mir!

Unterhältst du gerne andere?
Ich liebe es, andere zu unterhalten. Ich liebe es, andere glücklich zu machen! Ich bin sehr froh, wenn ich es schaffe, eine andere Person zum Lächeln zu bringen.

Welche Schule besuchst du?
Ich arbeite und besuche eine Berufsfachschule in Trevano. Die Schule läuft gut, wie auch die Arbeit. Dies weil ich einen Arbeitgeber habe, der mich manchmal dort meine Hausaufgaben machen lässt. Wenn ich Hausaufgaben habe, sagt er mir, dass sie leicht sind, aber dass er sie vor 30 Jahren gemacht hat und sich nicht mehr daran erinnert, während ich sie aber erst kürzlich gemacht habe und ich sie machen kann. Dann erklärt er sie. Er hat mich sehr unterstützt und mir geholfen, weiterzukommen. Ich arbeite in Tesserete in einem Metallbauunternehmen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Die Zukunft ist schwierig, weil ich Anwalt werden wollte, aber man sagte mir, dass ich Deutsch und Französisch brauche. Es braucht leider sehr viel Zeit, um diese Sprachen zu lernen. Ich mache also meinen (derzeitigen) Job, studiere und konzentriere mich auf den Fussball.

Wieso Anwalt?
Seit ich ein Kind bin, helfe ich gerne Menschen. Ich verteidige und helfe vielleicht jemandem, den man beschuldigt hat.

Vielleicht kann man Menschen auch auf eine andere Weise helfen?
Aber man braucht viele Schulen.

Du sprichst fließend Italienisch!
Es hat ein Jahr und fünf Monate gebraucht.

Es ist ganz klar, dass du dir Mühe gegeben hast, um diese Sprache zu lernen!
Ich habe Sprachkurse besucht: Italienisch, Deutsch und Englisch. Französisch stört mich zu sehr, die Aussprache ist schwierig. Als ich in Kreuzlingen war, habe ich ein bisschen Deutsch gelernt.

Möchtest du noch etwas hinzufügen?
Nicht, wenn du keine Fragen mehr hast.

 

Das Interview mit Omar, Coach bei Midnight MaSaVe… dum wurde von Elena Pedrazzini-Scozzari, Projektmanagerin bei IdéeSport, geführt.

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