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«Dabei sein ist alles für ihn» 

22.02.2022

Janis (8) hat eine angeborene Behinderung und besucht eines unser OpenSunday-Projekte. Dort hat er sozialen Austausch mit Gleichaltrigen, was sich für ihn sonst ausserhalb der Schule schwierig gestaltet. Im Interview gewährt uns Marlies Häufel, die Mutter von Janis, Einblicke ins Janis‘ Leben, erzählt uns, welche Chancen inklusiv gestaltete Angebote wie das OpenSunday bieten und erklärt, was sich in der Gesellschaft in Bezug auf Inklusion noch ändern sollte.

Alter: 44

Wohnort: Zürich

Berufliche Tätigkeit: Praxismanagerin

Bezug zu IdéeSport: Sohn ist Teilnehmer beim OpenSunday am Wasser

Erfahrung mit Inklusion: Sohn Janis hat eine Ataxie

Hobbies: Tanzen, Jogging

Dein Sohn Janis hat eine Behinderung. Mit welchen Herausforderungen sieht er sich im Alltag konfrontiert?

Genau, bei Janis liegt eine spontane Genmutation vor, die vor allem im Bereich der Grobmotorik Probleme verursacht. Einerseits ist es herausfordernd, dass er im sportlichen Bereich stets der Letzte ist. Das ist etwas, was ihm langsam bewusst wird und ihn stört.

Auch muss er sich immer irgendwo festhalten und kann nicht beide Hände gleichzeitig einsetzen, wenn er sich fortbewegt; oder er sitzt im Rollstuhl. Schnelle Bewegungswechsel sind für ihn sehr aufwendig. Kognitiv betrachtet ist er zwar auf Augenhöhe mit seinen Mitschüler*innen, aber bei allem, was auf Geschwindigkeit basiert, kann er nicht mithalten.

Andererseits ist er insbesondere in ungewohnten Umgebungen auf Hilfe angewiesen. Das Ausführen von kontrollierten Bewegungen stellt trotz Therapie weiterhin eine grosse Herausforderung dar.

Wie gestaltet er seine Freizeit und wo knüpft er soziale Kontakte?

Seit mittlerweile einem Jahr spielt er Handball in einer Spezialmannschaft des TV Unterstrass. Der Austausch findet dabei aber hauptsächlich zwischen ihm und den Trainer*innen statt, da er, wenn er nicht im Rollstuhl sitzt, auf ihre Hilfe angewiesen ist. Der Umgang mit Erwachsenen ist für ihn somit eine Leichtigkeit, weil er seit dem Kleinkindalter aufgrund seiner Therapie von Erwachsenen umgeben ist. In Bezug auf Gleichaltrige hat er aber grosse Mühe.

Sein wichtigster sozialer Kontakt ist – nebst seinen Eltern – seine Schwester und einige Mitschüler*innen. Solange es sich dabei um eine Tätigkeit im Sitzen handelt, spielen diese auch gerne mit ihm. Er kann jedoch nicht Fussball oder Unihockey spielen und wird daher oftmals ausgeschlossen. In seiner Freizeit hat er dementsprechend kaum soziale Kontakte und wird von anderen Kindern selten zum Spielen eingeladen, zumal die Behinderung von Janis für die Eltern jener Kinder je nachdem eine Herausforderung darstellen könnte. Ich bin jedoch überzeugt, dass dieser Umstand mit der Zeit besser wird, sobald der natürliche Bewegungsdrang, den Kinder in diesem Alter haben, abnimmt und Janis noch selbstständiger wird.

Janis besucht ein Stadtzürcher OpenSunday. Wie seid ihr auf das Angebot aufmerksam geworden?

Wir haben vor einigen Jahren Flyer von Procap Schweiz erhalten. Da Janis in eine Privatschule geht, hätten wir ohne diese Flyer wohl kaum etwas vom OpenSunday erfahren. Für uns war bereits von Anfang an klar, dass dies eine gute Sache ist, da es sonst kaum inklusive Angebote gibt; beziehungsweise sind die meisten dieser Angebote nicht für Rollstuhlfahrer*innen – insbesondere Kinder bis 18 Jahre – ausgerichtet. Oder sie sind für Menschen mit einer kognitiven Behinderung ausgelegt, was einer Teilnahme von Janis grundsätzlich nicht im Wege stehen würde, er aber dadurch wieder nur den Austausch mit den Erwachsenen suchen würde. Zudem finden diese Angebote oftmals erst ab 19:00 Uhr statt, was für Janis zu spät ist.

Was gefällt Janis besonders? Welche Chancen siehst du dabei für ihn?

Im Grossen und Ganzen ist es ihm vollkommen egal, wie das Programm aussieht, die Hauptsache ist, dass er ein Teil davon sein kann. Dabei sein ist alles für ihn. Ich sehe im Angebot ausserdem die Chance, dass er sich auch mit Kindern mit oder ohne Behinderung anfreunden kann, die dann im besten Fall noch aus dem gleichen Quartier kommen.

Inwieweit denkst du, können mit Angeboten wie dem OpenSunday die Inklusion und Akzeptanz von Menschen mit Behinderung gefördert werden?

Meiner Meinung nach kann die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung nur dadurch gefördert werden, dass sie an Angeboten teilnehmen können, wo auch Menschen ohne Behinderung teilnehmen. Dort ist es dann wichtig, dass man den anderen Kindern und den erwachsenen Bezugspersonen zeigt, dass es keinen Grund für Berührungsängste gibt. Viel mehr kann man meiner Meinung nach nicht machen, da man ansonsten Gefahr läuft, die Kinder mit Behinderung vorzuführen.

Damit verbunden sind auch die Hemmungen der anderen Kinder. Sie sind zwar interessiert daran, einmal in den Rollstuhl von Janis zu sitzen, getrauen sich aber manchmal nicht, zu fragen oder werden von den Erwachsenen daran gehindert. Hier muss man ansetzen und den Kindern klar machen, dass es vollkommen in Ordnung ist, zu fragen, um Akzeptanz und Verständnis zu schaffen. Ein Spielzeug, Fahrrad oder Skateboard wird im Spiel unter Kindern ja auch mal ausgeliehen, also warum dürfte nicht auch ein Rollstuhl Probe gefahren werden, solange es der*die Rollstuhlfahrer*in erlaubt. Unterbindet man diesen normalen Umgang, wird die Behinderung zu etwas Unnatürlichem gemacht.

Wenn du an die heutige Gesellschaft denkst: Wo siehst du weiteren Handlungsbedarf in der Gesellschaft, damit Menschen mit Behinderung durchwegs gleichberechtigten Zugang haben?

Es fängt bereits bei kleinen Dingen an, wie beispielsweise fehlenden Beschriftungen von rollstuhlgängigen Wegen am Bahnhof. Man kann sagen, dass es sich dabei um Banalitäten handelt, diese kleinen Dinge zeigen aber, dass die Inklusion von Menschen mit Behinderungen noch einen weiten Weg vor sich hat. Zudem dürfen sich die erwachsenen Bezugspersonen nicht genieren oder gar versuchen, die Behinderung ihres Kindes auf irgendeine Weise zu verstecken.

Das grundlegende Problem liegt jedoch bei den Berührungsängsten: Viele haben im Umgang mit Menschen mit Behinderungen Angst, etwas falsch zu machen. Wir als Gesellschaft müssen lernen, dass Menschen mit Behinderungen keine Spezialbehandlung wünschen, sondern Teil unserer Gesellschaft sind. Da Kinder grundsätzlich keine Vorurteile haben, ist es wichtig und sinnvoll, bei ihnen anzufangen. Bis irgendwann jede*r weiss, dass Menschen mit Behinderungen einfach auch nur Menschen sind – so wie du und ich.

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